Übe ich mechanisch?

Woher weiß ich, ob ich tatsächlich mechanisch übe? Wohl kaum einer wird absichtlich mechanisch die Yogapositionen ausführen. Es ist doch immer von „In-sich-hineinspüren“ die Rede. Das ist doch das Schöne am Yoga.

Ja, Theorie ist schön, scheitert bei der praktischen Umsetzung aber am Alltagsleben.

Vorweg genommen: Jeder Anfänger (und man ist nicht nur die ersten paar Wochen oder Monate Anfänger) übt mehr oder weniger mechanisch. Wir alle beginnen in diesem Stadium. Mit der Zeit allerdings sollte mehr und mehr Bewusstsein in die Ausführung der Asanas einfließen. Wenn wir ein Asana lernen, sind wir sehr mit den einzelnen Bewegungsphasen beschäftigt, die in der Summe dann die Endposition einer Haltung ergeben. Wir müssen, salopp gesagt, erst einmal die Arme und Beine entsprechend sortieren, um in die Haltung zu kommen. Irgendwann wissen wir aber, was wir machen müssen. Die äußere Form der Haltung ist uns bekannt, die groben Bewegungen auch. Und hier teilt sich der Weg.

Manche Übende bleiben in dieser Phase stecken. Sie haben jetzt die Haltung verinnerlicht und denken, dass die Reise nun beendet ist. Eine neue Yogaposition muss her, sonst wird das Üben langweilig. Es ist ja immer dasselbe sonst… Aber eigentlich beginnt die Reise jetzt erst. Jetzt ist das Fundament geschaffen, auf dem ich weitergehen kann.

Meist kommt auch der Alltagsstress dazwischen. Es ist wenig Zeit – wenn ich übe, möchte ich so viel wie möglich schaffen, damit es sich auch lohnt. Ich nehme also mein Programm mit den Yogahaltungen heraus und übe alle. Manche fordern mich vielleicht nicht mehr so, die nehme ich dann eher als Aufwärmübung, mache sie also einmal kurz, damit ich dann noch Zeit für all die anderen habe. Und eigentlich wollte mich noch die Bekannte anrufen, mit der ich mich seit langer Zeit nicht mehr getroffen habe. Wann sie wohl anruft – ruft sie wirklich an? Lust habe ich nicht unbedingt, wir sind irgendwie nicht mehr so eng… Was sage ich, wenn sie anruft? Was sollen wir unternehmen? Oder fällt mir jetzt noch schnell ein Grund ein, weswegen ich sie nicht treffen kann? O, Mist! Was ist jetzt passiert? Jetzt habe ich mir irgendwie wehgetan. Hab wohl irgendwas falsch gemacht. Na ja, nächste Haltung. Mein Chef war heute auch irgendwie schlecht drauf. Hat das was mit mir zu tun? Oder ist er nur gestresst wegen des Meetings morgen? Ja, da muss ich wohl früh ins Büro, um die ganzen Sachen für das Meeting fertig zu bekommen. Da kommt bestimmt auch noch was dazu, da wette ich drauf. Och nee, diese Übung mache ich heute aber nicht. Nächstes Mal. Da ist mir heute echt der Kopf nicht nach. Und nächste Woche hat XY schon wieder Geburtstag. Muss noch das Geschenk besorgen, o Gott, wann soll ich das denn machen?!

Ich könnte jetzt ewig so fortfahren, aber ich denke, es reicht. Ihr habt euch wiedererkannt.

Was sollen wir tun? Nun, diese Gedanken lassen sich nicht abschalten, das kennt jeder. Sie kommen einfach, drängen sich in unseren Kopf und nehmen uns in Besitz. Und alles, was wir währenddessen tun, machen wir automatisch und wie fremdgesteuert.

Wir können sie nicht abschalten, aber wir können uns weigern, ihnen zuzuhören. Wir dürfen sie nicht akzeptieren. Wir dürfen uns ihnen nicht ausliefern mit der Ausrede, dass man da ja sowieso nichts gegen machen kann. Das ist ja das Tolle an den Yogapositionen. Sie erfordern unser ganzes Sein, unsere ganze Aufmerksamkeit, damit wir sie (korrekt) machen können. Also widmen wir zumindest für diese halbe Stunde uns ganz diesen Übungen. Und wenn es nur zwei Übungen sind!

Wir haben verlernt, zuzuhören. Wir reden viel, wir konsumieren Radio oder TV nebenbei, wir wollen immer unsere Meinung oder Einstellung zum Ausdruck bringen. Aber das Zuhören ist eine hohe Kunst, die kaum noch jemand beherrscht. Auch unserem Körper können wir zuhören. Nicht mit den Ohren, sondern durch Beobachten. Nicht mit den Augen, sondern mit unserem Inneren. Es geht um ein inneres Beobachten in jeder einzelnen Sekunde. Jede Bewegung, Nicht-Bewegung, ja sogar jede Absicht einer Bewegung muss beobachtet werden. Wir müssen uns dessen gewahr sein. Es geht gar nicht so unbedingt um das, was ich in dem Moment auf einer emotionalen Ebene fühle, obwohl das auch ein wichtiger Aspekt ist. Es geht um das, was ich mit meinem Körperbewusstsein wahrnehme. Kann ich meine Aufmerksamkeit voll und ganz auf jeden Bestandteil meines Körpers richten? Auf die Bereiche, die offensichtlich in dieser Position im Vordergrund stehen. Aber die Herausforderung ist es, sich auch der Körperbereiche vollkommen bewusst zu sein, die vermeintlich „nicht so wichtig“ sind. Gelingt uns dies auch nur für kurze Zeit, so spüren wir, wie unser ganzes Wesen mit dieser Yogahaltung verschmilzt, wir sind vollkommen integriert. Wir vergessen uns, unsere vergleichsweise kleinen Probleme des Lebensalltags, spüren keine Abneigung gegen komplizierte oder anstrengende Bewegungen, vergessen die innere Stimme, die immer sagt, das wir DAS nicht (gut) können. Wir erfahren einfach, dass wir sind. JETZT. BIN. ICH. Und wir erlangen eine Ahnung, dass tief in uns noch etwas steckt, das es zu entdecken gilt. Dass wir nicht unsere Termine, unser Beruf, unser Familienstand, unser Kontostand, unsere Emotionen, unsere Gedanken sind. Sondern dass da noch etwas ist.

So, noch schnell diese zwei Übungen, dann bin ich mit dem Programm durch. Ich muss jetzt auch wirklich los. Bis zum nächsten Mal!

 

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