Aufmerksamkeit erspüren

Jeder (Yoga-) Lehrer kennt das wahrscheinlich: Scheinbar aufmerksam hören die Schüler der Erklärung zu oder sehen sich die Demonstration mitsamt detaillierter Erläuterung an. Ist es dann an ihnen, dasselbe nachzumachen, so wissen sie kaum noch etwas und fragen genau all die Dinge, die gerade ausführlich besprochen wurden. Und das genau Sekunden bevor der Lehrer die entsprechenden Anweisungen wiederholen und die Schüler Schritt für Schritt durch die Übung führen kann. Selbst dann wird manchmal nicht auf das geachtet, was der Lehrer sagt, sondern es wird zum Nachbarn geschaut und dort gefragt oder nur abgeguckt.

Nun ist der Lehrer dafür da, es den Schülern zu erklären. Die Schüler wiederum müssen Aufmerksamkeit erst lernen. Aufmerksamkeit resultiert aus einer inneren Haltung und entwickelt sich im Laufe der Yogapraxis. So ist einerseits das oben Geschilderte ganz normal für neue Schüler. Und doch zeigt es ganz deutlich, wie verbreitet Aufmerksamkeitsdefizite sind. Und der (Yoga-) Unterricht ist da lediglich ein Beispiel.

Viele meiner Schüler haben mir berichtet, dass sie nicht zufrieden damit sind, vor einem Bildschirm Übungen nachzumachen. Sie brauchen die Abgeschlossenheit eines speziellen Übungsraumes, die Konzentration auf das, was sie dort machen wollen, ohne Ablenkung durch alltägliche Vorkommnisse. Diese gesuchte Stille, die die Qualität des Übens doch eigentlich verbessern sollte, ist dann allerdings doch zu steril. Scheinbar herrscht so etwas wie ein Unterdruck, der all die Gedanken und den Wunsch, ein wenig zu plauschen, erst recht herein saugt in den heiligen Übungsraum. Die erwünschte Leere (von den Alltagsdingen) im Kopf muss scheinbar irgendwie wieder gefüllt werden.

Warum füllen wir sie nicht mit dem, was wir gerade tun? Warum schenken wir nicht in dieser einen Sekunde unsere ganze Aufmerksamkeit dem, was wir gerade tun? Wir sind doch in diesem Moment uns selbst genug. Warum erspüren wir nicht, was dieses eine Asana in uns geschehen lässt, wie es sich anfühlt? Gewiss gibt es Dehnungsschmerzen, es kann auch mal anstrengend sein. Aber vielleicht schenkt uns dieses Asana ein besonderes Gefühl. Von Weite im Körper. Von Leichtigkeit. Von Befreiung. Vielleicht spüre ich, dass ich meine gesamte Aufmerksamkeit brauche, um den Ansprüchen des Asana gerecht zu werden. Es ist nicht so, dass ich meinen Körper irgendwie in dieses Asana, in diese Schablone pressen möchte. Sondern ich übe daran, meinem Körper aufzuzeigen, wie er eine gewisse Form, die das Asana vorschreibt, einnehmen kann. Vielleicht bin ich heute noch weit davon entfernt, das Asana perfekt zu machen, geschweige denn gut. Aber ich übe heute mit 100 Prozent meiner Fähigkeiten. Und damit kann ich zufrieden sein.

Yoga ist eher innere Arbeit, innere Entwicklung. Auch wenn als (be-) greifbares Hilfsmittel dafür der Körper genutzt wird. Jedes Asana, an dem ich arbeite, bearbeitet verschiedene Aspekte des Körpers. Und jeder Bereich des Körpers, der sich entwickelt / weiterentwickelt, der eine bestimmte Form einnimmt, wirkt direkt auf das Innere in uns. Es kann keine Veränderung im Körper geben, die nicht auf das Innere wirkt. Gleiches gilt im umgekehrten Fall, dass nämlich jede innere Veränderung auch auf das Äußere wirkt. Allerdings ist der erstgenannte Fall einfacher und die Veränderung erfolgt schneller.

Es gilt zu erleben, wie die Asanas uns beeinflussen und unsere innere Entwicklung beschleunigen. Der Verstand ist uns da eher im Wege. Der stellt Fragen wie: „Was soll ich denn dabei fühlen?“ Das Asana stellt die Frage: „Was fühlst du, wenn du viel Raum im Oberkörper schaffst, wenn deine Bauchorgane Platz haben, wenn du Weite fühlst im Beckenbereich? Kannst du so viel Platz schaffen, indem du deine Oberschenkel mehr nach hinten bewegst und deinen Oberkörper verlängerst? Und was tragen deine Arme zu dieser Aufgabe bei?

Viel geht mir verloren, wenn ich nach der Anleitung des Lehrers, die Oberschenkel stärker nach hinten zu bewegen, laut: „Ach, das auch noch!“ stöhne, nur um mir Luft zu verschaffen und die Lacher der anderen Teilnehmer auf meiner Seite zu haben.

Kannst du diese Aufmerksamkeit für den jetzigen Moment, für diesen einen Augenblick weitertragen in dein alltägliches Leben? Weißt du, wie sie sich anfühlt, diese eine Sekunde, die du jetzt gerade erlebst?

Bist du voll und ganz anwesend, von Wimpernschlag zu Wimpernschlag, dann dehnt sich der eine Moment aus und wird zur Ewigkeit. Lebe jeden Moment.

 

 

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