Einfach mal aushalten

Über eine Woche Hitze – eine tolle Gelegenheit, etwas zu lernen.

Diese sehr warme Periode seit Anfang August, die nun glücklicherweise wieder vorüber ist, hat unseren Körper sehr belastet mit dauerhaft hohen Temperaturen, kaum Abkühlung in den Nächten, hoher Luftfeuchtigkeit. Aber wie bei allem, was uns das Leben an Widrigkeiten in den Weg legt, gab es auch jetzt wieder eine Gelegenheit, etwas so unendlich Wichtiges zu lernen: Etwas aushalten zu können.

Denn der Hitze können wir nicht entkommen. Es sei denn, wir haben den Luxus einer Klimaanlage im Büro oder wir halten uns stundenlang im Supermarkt auf. Ob das auf Dauer gesund ist, ist aber eine andere Frage…

Für vieles im Leben und im Alltag finden wir Lösungen. Und wenn wir keine Lösung finden, dann finden wir einen Ausweg. Eine Vermeidung.

Selten stellen wir uns den Dingen.

Ich glaube allerdings, dass es wirklich wichtig ist, das zu lernen. Im normalen Leben sind wir betriebsam, immer darauf bedacht, dass alles gut läuft, dass wir so wenig Unbequemlichkeiten oder Unerträglichkeiten abbekommen wie irgend möglich. Wir agieren teilweise hysterisch, wenn etwas passiert, das außerhalb unserer Kontrolle liegt oder auch nur außerhalb unseres begrenzten Planungshorizontes. Ein Stich mit der Nadel des Schicksals in unsere Komfortzone, in unsere Sicherheitsblase. Ein kleines Schwanken des vermeintlich festen Bodens unter unseren Füßen bringt uns vollends aus dem Gleichgewicht. Nichts ist mehr so wie vorher und alles ist außer Balance. Unsere Antwort darauf ist hektische Betriebsamkeit. In einer Zeit, in der einfach Ruhe und Besinnung angebracht wären. Dieses (Re-) Agieren um des Agieren willens bringt nicht immer die richtigen Entscheidungen. Die planlose Suche nach einem Ausweg macht die Kontrolle über unser Leben nicht größer. Die Vermeidungstaktik führt vielleicht geradewegs auf das zu, was wir vermeiden wollen.

Fakt ist: Wir haben nichts unter Kontrolle. Nichts in unserem Leben und auf diesem Planeten ist unter unserer Kontrolle. Wir leben unser Leben, die meiste Zeit unbeschadet von schrecklichen und von außen kommenden Situationen, in vermeintlicher Kontrolle und Sicherheit, weil eben so selten etwas passiert. Das heißt aber nicht, dass es unter unserer Kontrolle liegt. Die Natur lacht über unseren Irrglauben, dass wir irgendetwas kontrollieren könnten. Die Natur erlaubt uns, in relativer Sicherheit in ihr zu leben, weil wir ein Teil von ihr sind. Wir sind unter dem Schutzmantel der Natur auf dieser Erde zu Hause, weil sie uns hervorgebracht hat, weil wir aus ihr kommen. Weil wir ein Teil der Natur sind.

Und deshalb unterliegen wir den Gesetzen der Natur. Sie bestimmt über uns – während wir in der Überzeugung leben, dass wir über sie bestimmen. Sie hält für eine gewisse Zeit ihre Hand beschützend über uns. Doch wenn die Zeit gekommen ist, dass sie es sich anders überlegt, dann sind wir genauso den Gesetzen der Natur unterworfen wie jedes andere Tier auf diesem Planeten und wie jede Pflanze und jeder Stein.

Wir dürfen niemals vergessen, dass unser Leben ein Geschenk ist. Nach spirituellem Verständnis sowieso, aber auch rein von der wissenschaftlichen Seite aus gesehen. Es war wahrscheinlich ein Zufall, dass das Leben auf diesem Planeten entstanden ist und dass es uns gibt.

Wir sind Sternenstaub.

Das Universum ist größer als alles, was wir uns vorstellen können. Die Gesetze des Universums nehmen keine Rücksicht auf unsere Befindlichkeiten.

Das wollte ich eigentlich nur vorausschicken, bevor ich nochmals sage: Lernt, etwas auszuhalten!

Das, was euer Leben schwer macht, ändert es. Das, was eure Gesundheit beeinträchtigt, ändert es. Das, was euer Leben bedroht, ändert es. Optimiert, positiviert, fortschritt-forciert, bequemisiert, alles was ihr wollt. Wenn man Dinge verbessern kann, bin ich dabei. Aber manche Dinge kann man nicht dauerhaft beeinflussen oder kontrollieren. Also lernt, etwas auszuhalten. Alles andere vergeudet wertvolle Energie.

Im Yoga übt man das jeden Tag. Ich muss eine gewisse Dehnung aushalten. Wenn ich die Übungen so mache, dass ich keine Dehnung verspüre, dann kann ich die Übung auch weglassen. Es gibt Übungen, die sind anstrengend. Es gibt Übungen, die sind immens anstrengend. Wenn ich sie lernen möchte, dann muss ich das aushalten. Über Jahre, denn die schwierigeren Übungen kann man nicht in einer Woche lernen. Es gibt Übungen, die tun weh. Nicht, weil ich meine körperlichen Kapazitäten überschreite, sondern weil ich eine körperliche Grenze erreichen und nach und nach ausdehnen möchte. Ich muss lernen, den Schmerz auszuhalten, der sich durch die Anstrengung ergibt oder auch durch das Dehnen verspannten Gewebes. Ich weiß, dass nach dem Schmerz ein unbeschreibliches Wohlgefühl kommt, für das es sich lohnt, den Schmerz auszuhalten. Ich weiß, dass ich meinem Körper letzten Endes etwas Gutes tue, weil ich gelernt habe, dass der Schmerz durch das Lösen von Verspannungen kommt. Für den Anfänger mag das recht hart und vielleicht ungesund klingen, wer aber bereits länger Yoga übt, wird mich verstehen. Die Übungen sind nicht ungesund, nur weil sie schmerzen (immer vorausgesetzt, man übt unter ordentlicher Anleitung immer seinen Fähigkeiten entsprechend). Man wird nie frei von Schmerzen sein, während man übt. Man wird aber danach frei von Schmerzen sein.

Ich suche während des Übens immer die Schmerzfreiheit. Aber bevor ich sie bekomme, muss ich den Schmerz ertragen. Und ich muss auch lernen, welcher Schmerz ein „guter Schmerz“ ist (der mir hilft, eine Verspannung oder Blockade zu lösen, oder der nur ein Dehnungsschmerz ist) und welcher Schmerz ein „schlechter Schmerz“ ist (der mir sagt, dass ich etwas falsch mache oder eine Dehnung übertreibe).

Das ist das Wesentliche: Dinge analysieren, hinterfragen, ausprobieren, unterscheiden, korrigieren oder aushalten.

Übe den Schulterstand (wenn du weißt, wie du ihn üben musst). Übe ihn doppelt so lange, wie du ihn normalerweise übst. Du musst die ganze Zeit korrigieren, damit du dich im Schulterstand „wohlfühlst“. Du musst in jeder Sekunde, mit jedem Atemzug etwas in dieser Haltung korrigieren. Etwas, was du während der Verweildauer immer wieder verlieren wirst. Oder etwas, von dem du weißt, dass du es machen solltest. Du kannst es aber noch nicht oder nicht so gut machen. Und du korrigierst deinen Fehler so lange, bis du deine beste Version, die du heute machen kannst, erreicht hast. Du machst also alles richtig. Und doch wirst du Schmerzen haben. Dein Kopf wird rufen: „Höre auf, das war lange genug.“ Du wirst es aushalten, auch wenn die Muskeln schmerzen vor Anstrengung. Du wirst es aushalten.

Und danach ist eine gute Gelegenheit, um eine schöne, angenehme, entspannende Position bzw. Asana nachfolgen zu lassen.

Genieße die kühlen Tage!

 

 

 

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