Das vergangene Jahr war ein fürchterliches Jahr für mich. Es forderte mich heraus, stieß mich um, stülpte mein Inneres nach Außen, drohte alles zu zerstören, was ich in meinem Leben für wertvoll und lebenswert hielt. Es war aber auch ein fürchterlich schönes Jahr für mich. Denn letztendlich schenkte es mir ein Wunder. Dieses Wunder setzte sich mit einer Art Selbstverständlichkeit neben mich, sah mich an mit leichtem Erstaunen in den Augen und schien zu fragen: „Warum vertraust du nicht?“

Die Dinge, die im Leben geschehen, geschehen. So einfach ist es.

Was wir auch fragen, es wird keine Antwort geben. Je mehr wir zweifeln, desto unerträglicher wird es. Je mehr wir analysieren, desto weniger sehen wir die Zusammenhänge. Und auch, wenn es so scheint – nichts ist verloren.

„Vertraue auf das Leben. Vertraue auf die Stimme in dir. Vertraue deiner Kraft.“, flüsterte mir ein Windhauch zu, während ich am Boden lag und vor Kummer sterben wollte. Das Wunder näherte sich mit leisen und leichten Schritten, so dass man es erst bemerken konnte, als es schon da war. Es war sanft und liebevoll, froh darüber, dass es wieder mit seiner Kraft und Magie helfen konnte. Und je mehr ich begann zu vertrauen, desto deutlicher konnte ich das Wunder erkennen, bis ich endlich aufstand, mir die Verzweiflung aus dem Gesicht rieb und lächelte. Es sah mein Lachen und es war glücklich.


Manchmal ist das Leben wie ein Asana. Eine Aufgabe, eine Herausforderung, eine Wohltat, Schmerzen, Leichtigkeit. Ich bin sehr froh darüber, dass mich das jahrelange Üben der Asanas so viel gelehrt hat. Schüler fragen immer mal wieder, warum sie dieses oder jenes Asana üben müssen. „Was habe ich davon?“, ist die Frage, die unsere Leistungsgesellschaft dann stellt. Diese Frage ist immer recht leicht zu beantworten, denn der körperliche Nutzen ist sehr schnell spürbar. Wir können den physischen Effekt der Yogapositionen direkt erfahren, wenn wir sie einige Zeit üben.

Viel wichtiger ist aber das, was wir erst nach einigen Jahren bemerken. Dass nämlich die Wirkung auf den Körper zwar ein angenehmes Nebenprodukt des Übens ist. Der Kern der Sache aber ist die Wirkung, die ich mental und emotional erfahre. Yoga verändert – mich.

Jede Yogaposition bringt mich dazu, anwesend zu sein. Im Körper, im Geiste, in dieser Sekunde. Ich muss konzentriert sein und mein Bewusstsein sozusagen auf einen Punkt, einen Ausschnitt des Ganzen fokussieren. Gleichzeitig muss ich aber innerlich „aufmachen“, Weite schaffen, mich ausdehnen. Akzeptieren, dass in der Position vielleicht irgendwo Schmerzen auftauchen. Die Tatsache annehmen, dass sie anstrengend ist und Kraft erfordert. Das Gefühl des Aufgebenwollens überwinden. Oft habe ich von meinen Lehrern gehört, dass man aus einer Position zurückkommen muss, wenn man sie nur noch mit reiner Willenskraft halten kann. Denn das bedeutet, dass man wesentliche Aktionen in einer Position nicht mehr ausführen kann, die Aufmerksamkeit und die Kraft schwinden. Somit ist das der richtige Zeitpunkt. Der Wunsch, aus der Position zurückzukommen, taucht allerdings sehr viel früher auf. Manchmal geben wir einfach auf, denn das ist einfach und bequem. Aber nützt es uns?

Wir sind meist sehr aufmerksam, wenn wir ein Asana beginnen. Wir haben die Endposition im Kopf, wissen aber, dass der Weg dahin auch wichtig ist. Und so geben wir uns Mühe, den Weg dahin möglichst korrekt zu gehen. Für die Endposition ist dann noch ein wenig Aufmerksamkeit bzw. geistige Kraft übrig. Aber dann ist sie endlich vorbei und ich kann wieder aus der Position herauskommen. Das ist der Moment, in dem das ganze mühsam aufgebaute Gebäude zusammenfällt. Denn die vermeintliche Endposition eines Asanas ist nicht die wirkliche Endposition. Fange ich z.B. mit Tadasana an, so ist die Endposition erreicht, wenn ich nach der ausgeführten Position wieder in Tadasana stehe.

Wenn ich „irgendwie“ aus einem Asana zurückkomme, dann nehme ich nur die Hälfte von dem mit, was ich durch das Asana lernen könnte. Gehe ich in ein Asana, dann gewinne ich vielleicht körperliche Stärke, Flexibilität, Kontrolle des Körpers.

Komme ich korrekt aus einem Asana zurück, dann erfahre ich einen Zugewinn an mentaler Stärke. Körperlich habe ich vielleicht in meinen Augen alles erreicht, was ich erreichen kann. Aber für den sauberen, korrekten, kontrollierten Weg aus dem Asana heraus benötige ich nicht mehr den Körper, sondern den Geist. Bis ich wieder in Tadasana stehe.

Gerade dann, wenn der Wunsch aufzugeben fast übermächtig in uns wird, müssen wir mental stark sein. So wie es uns die Asanas lehren. Das ist neben körperlicher Gesundheit und Stärke der größte Schatz, den wir im Üben von Yoga finden.