Innere Ruhe und äußere Reize

In sich zu Ruhen ist eine Kunst in unserer gegenwärtigen, auf das Außen fokussierten Gesellschaft. Gelassen auf alles reagieren zu können, den Tag mit einem Lächeln zu beginnen, inneren Frieden zu fühlen  – das wünschen sich fast alle.

Und doch sind wir alle mehr oder weniger gefangen in der Außenwelt mit ihren Ablenkungen, Verpflichtungen, Reizen, Gefahren, Herausforderungen und Enttäuschungen. Wir haben ständig so viel zu erledigen, uns zu kümmern, dass wir keine Zeit mehr haben, in unsere Innenwelt zu schauen.

Was gibt uns am Ende des Lebens Zufriedenheit und die Freiheit, zu gehen?

Dass wir allen Verpflichtungen nachgekommen sind, uns zu Tode gearbeitet haben, uns aufgeopfert haben für den Job? Dass wir unsere Empfänglichkeit für die Reize der Außenwelt als eigentlichen Lebenssinn missverstanden haben? Dass wir darauf konditioniert waren, unsere Tage furchtbar gestresst durchzustehen und am Abend so erledigt auf das Sofa zu fallen, dass wir keine Kraft mehr hatten, uns um uns selbst zu kümmern (Pflichterfüllung…?)?

Sicherlich nicht. Das wissen wir. Oder zumindest spüren wir es tief drinnen.

Das Bedürfnis nach Ruhe ist so groß geworden, dass Achtsamkeit ein vielbenutztes Wort geworden ist. Achtsam atmen, achtsam essen, achtsam wandern, achtsam schweigen… Klosterurlaube, Meditationsgruppen, Pilgern, MBSR, Yoga….

Auf der anderen Seite sind wir sehr oft hyperaktiv und haben das Gefühl, dass unsere Gesellschaft es von uns verlangt, ständig auf Reize und Anforderungen zu reagieren. Koffein und andere Aufputscher helfen uns, schneller, dauerhaft und lebhafter zu reagieren. Wir haben das Gefühl, dass wir keine gesellschaftliche Erlaubnis dazu haben, uns etwas zurückzuziehen und eben nicht mehr auf jeden Reiz reagieren zu müssen. Daher geben wir uns selbst auch nicht die Erlaubnis dazu. Es sei denn, wir entziehen uns „offiziell“ mit Klosterurlaub oder Yogastunde.

Sich die Erlaubnis zu geben, JETZT innere Ruhe zu erfahren, ist eine Kunst in unserer gegenwärtigen Gesellschaft. Auszeiten sind wunderbar, wir genießen sie und nutzen sie als Puffer oder Kraftreservoir für die Normalzeit. Warum aber haben wir nicht das Bestreben, unser ganzes Leben oder zumindest einen großen Teil davon als Auszeit zu betrachten?

Unser Leben besteht aus dem, was in uns geschieht. Unsere Wahrnehmung, unser Fühlen und Erleben, Wissen und Verstehen, Kämpfen und Verzeihen, unsere Erinnerungen und Pläne machen uns aus und bilden eine Basis für Zufriedenheit. Frieden mit dem Leben. Nicht abgehakte To-Do-Listen und volle Terminkalender oder Bankkonten.

Ich rufe hier nicht zum Boykott auf und möchte auch niemanden motivieren, als Einsiedler in der Einöde zu leben. Aber warum schließen sich Alltag und Gelassenheit aus? Schließlich bedeutet innere Ruhe nicht unbedingt Passivität. Ist es unser Umfeld, das es uns gestatten muss, innere Ruhe zu empfinden? Oder ist es ein Zustand, dessen Erschaffung und Aufrechterhaltung bei uns ganz allein liegt? Und allen widrigen Umständen standhält? Warum brechen wir immer wieder zusammen und sind nicht mehr in der Lage, dem Stress auf Basis der inneren Ruhe zu begegnen? Weil wir es in so einer Situation dann nicht mehr schaffen, uns selbst zu sehen.

Wir nehmen die Außenwelt durch unsere Sinnesorgane war, und die Sinnesorgane sind ein Teil der Außenwelt/mit der Außenwelt verhaftet. Unsere Wahrnehmung wird durch die Sinnesorgane in die Außenwelt gelenkt, so wie ein Magnet Eisen anzieht. Nehmen die Reize auf unsere Sinnesorgane überhand, so sind wir nicht mehr fähig, in unserem Inneren zu ruhen. Uns selbst können wir nur sehen, wenn wir uns nicht von der Außenwelt ablenken lassen (und das sage mal deinem Chef).

Ein hoffnungsloses Unterfangen in unserer Gesellschaft?

Es gibt viele Wege, zum Selbst zu finden. Yoga ist einer davon. Vorausgesetzt, man hält die Yogaklasse nicht für so etwas ähnliches wie eine Party oder ein lustiges geselliges Zusammensein.

Wenn ich in Ruhe und mit Konzentration Yoga übe, dann erhalte ich wirklich so etwas wie Gelassenheit. Versinke in Ruhe. Möchte danach keinen Lärm und keine Hektik und keine nervigen Diskussionen. Manchmal sitze ich dann auch nur da und betrachte einen Baum. Sehe seine Schönheit. Rieche seine Rinde und seine Blätter. Bewundere das Wunder der Natur. Und weiß in meinem Inneren: Er ist ein Teil von mir.

So wie beispielweise Koffein uns erlaubt, auf die Reizüberflutung zu reagieren, so gibt es noch eine Reihe weiterer Nahrungsmittel – oder besser gesagt, Ernährungsgewohnheiten – die uns aufputschen und uns die Fähigkeit zum Erleben der inneren Ruhe eher nehmen denn geben. Neugierig?

 

 

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